Freitag, 16. Dezember 2011

Rezension: Robert Naumann - Ich hartz dann mal ab

Robert Naumann - Ich hartz dann mal ab


Gelungene Satire über das Leben eines Langzeitarbeitslosen

Klappentext:
Geduldig erträgt der sympathische Schmarotzer Robert Neumann die Versuche seiner PAP (Persönliche Ansprechpartnerin), ihn in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Eine feste Stelle hat er so zwar noch nicht gefunden, dafür jede Menge kuriose Erfahrungen mit der Bundesagentur für Arbeit gesammelt. Selbstironisch und böse erzählt er aus dem Leben eines Langzeitarbeitslosen.

Inhalt:
"Ich weiß nicht, wann und auf welche Weise ich den schmalen Grat vom Hartz -IV-Empfänger zum gemeinen Betrüger überschritten habe, aber es ist passiert. Im Schreiben vom JobCenter vom April 2008 steht es schwarz auf weiß:

Sehr geehrter Herr Naumann,
nach meinen Erkenntnisse haben Sie Leistungen nach dem zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) für die Zeit vom 01.07.2006 bis 31.12.2006 in Höhe von 2,40 Euro zu Unrecht bezogen."

Robert Naumann und Arbeit - das scheinen zwei Dinge zu sein, die auf den ersten Blick nicht so recht zusammenpassen, auf den zweiten und dritten übrigens auch noch nicht. Er hat sein Studium abgebrochen und hat seit dem nur ab und an mal einen Gelegenheitsjob angenommen - aber es geht ihm ja auch gut, er bezieht ja seine Sozialhilfe. Doch dann gibt es eine Wende in seinem Leben, gewiefte Politiker haben sich da mal wieder etwas einfallen lassen und krempeln das deutsche Sozialsystem um. Ade Sozialhilfe! Hallo Hartz IV! Im Zuge dieser Neuerung muss Robert sich jetzt mit Frau Steputat, seiner persönlichen Ansprechpartnerin auf dem JobCenter, rumärgern...

Meinung:
Auf dem Buchrücken steht "Abgrundtief amüsant", ich würde noch etwas weitergehen und "Abgrundtief böse" schreiben wollen, denn Robert Naumann zeigt böse überspitzt und ironisch den Alltag eines Langzeitarbeitslosen und die Gefahren, die im JobCenter auf ihn lauern, auf.

Robert Naumann, vielen Dank - Sie haben es geschafft! Was? Mich am laufenden Bande zum lachen und schmunzeln gebracht. Egal wie überspitzt die Situationen dargestellt werden, finde ich immer wieder Situationen wieder, die ich auch in der Realität (leider) schon so erlebt habe. Wie in etwa die mit dem Brief, in dem sich über einen Minimalbetrag von 2,40 € ausgelassen wird, die unser Protagonist zu viel erhalten hat. So was gibt es wirklich - hallo, 2,40 €, der ganze Aufwand, der darum betrieben wird ist doch viel höher. Aber gut, so ist es halt.
Ihr könntet jetzt denken, dass ich langzeitarbeitlos bin oder eine PAP - aber keines von beidem trifft auf mich zu. Dennoch habe ich beruflich mit beiden zu tun - und grade das macht das Buch für mich so interessant - wenn man diese und ähnliche Situationen selbst schon erlebt hat, kann man sich denke ich etwas besser auf das Buch einlassen.

Dennoch, sollte man sich klar darüber sein, dass dieser Umgang miteinander und auch die Einstellung zur Arbeit nicht Gang und Gebe ist - ich habe zwar schon Leute wie Herrn Naumann und Frau Steputat erlebt, aber genauso gibt es sozial eingestellte PAP`s, die wirklich einen Weg suchen ihre Klienten wieder in Arbeit zu bringen, der auch langfristig erfolgreich ist. Genauso wie es arbeitswillige Langzeitarbeitslose gibt. Wobei ich sagen muss, dass mir jemand, der so offen unwillig ist wie Robert viel sympathischer ist, als ein Schwätzer, der sich eigentlich mit seinem Hartz IV abgefunden hat.

Die unterschiedlichen Anekdoten aus Roberts Leben und dem seiner Familie werden mit Zeichnungen von Piero Masztalerz im Comicstil unterstrichen und auch das Glossar am Ende des Buches ist sehr gelungen (und mit einem Augenzwinkern zu genießen).

Ein wundervoll überspitzt dargestelltes Bildnis über das Leben eines Langzeitarbeitslosen in Deutschland - ironisch, amüsant und an manchen Stellen bitterböse!

Wertung:
♥ ♥ ♥ ♥

Für die Bereitstellung herzlichen Dank an den Rowohlt Taschenbuchverlag und vorablesen!

Produktinformation:
Robert Naumann - Ich hartz dann mal ab, 2011 erschienen im Rowohlt Taschenbuchverlag
224 Seiten, 9,99 €

Zum Autor:
Robert Naumann wurde 1973 in Jena geboren. Seit 1987 lebt er in Berlin. Dort gehört er zu den festen Mitgliedern der bekannten Lesebühne "Chaussee der Enthusiasten". Nach dem Studium der Sonderschulpädagogik und drei Wochen einer Druckerlehre kletterte er die Karriereleiter steil nach oben: Tiefbau, Hochbau, Trockenbau, Schriftsetzer, Schriftsteller. Angestrebte höchste Stufe: Rentner.

Kommentare:

  1. Mir sind die Langzeitarbeitslosen wie dieser Protagonist gar nicht sympathisch. Gut es ist ein Geben und Nehmen (der Staat hat auch viel falsch gemacht, wenn er HartzIV-Empfänger soviel Geld gibt, dass sie mit Arbeit ärmer wären, andersherum gibt es genug Arbeitslose die zu wenig Sozialkompetenz haben, um zu überlblicken, was ihr Handeln für Arbeitstätige bedeutet).
    Interessant, dass es solch ein Buch gibt und hintergründig beleuchtet es sicher die reale Situation, ich fürchte nur, dass es zu wenig so lesen werden... schade eigentlich.

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  2. @Eule: Für mich, da ich mit Langzeitarbeitslosen arbeite ist es einfacher zu wissen, wer will und wer nicht, so kannst du den richtigen Menschen helfen :-) Das stimmt, wenn du mit vielen Kindern gesegnet bist, ist es leider so, dass oftmals wirklich mehr auf dem Konto ist, wenn du Hatz IV beziehst, als wenn du arbeiten gehst. das ist aber eine Einstellungssache (leider) - ich war auch schon für 7,50 € die Stunde arbeiten und werde es immer wieder machen, bevor ich Leistungen vom Staat beziehe :-)

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