Sonntag, 9. Oktober 2011

Rezension: Nils Mohl - Es war einmal Indianerland

Nils Mohl - Es war einmal Indianerland 


Ein beeindruckendes Buch über das Erwachsen werden

Klappentext:
"Ich brauche ein Auto, ich brauche Geld, ich brauche Schlaf. Was ich habe, sind eine Mütze, noch fünf Tage Sommerferien, die Bohrmaschine von Edda."

Für Mohls Roman gilt, was auch schon für seine preisgekrönten Kurzgeschichten galt: "Prosa, deren Skurilität und deren schnelle Schnitte an Filme wie "Short Cuts" oder "Pulp Fiction" erinnern"
(Hamburger Abendblatt)

Inhalt:
" - Ich mag dich, sagt sie, manchmal ist das Leben einfach unfair. Ein satter Spritzer Adrenalin: Ich nehme die Mütze ab, kratze mich beidhändig an der Kopfhaut. Keine Spur mehr von Müdigkeit: Hinter der Stirn geht es plötzlich zu wie in einer gut geölten Revolvertrommel, die m an mit blitzartiger Handbewegung zum Rotieren gebracht hat.
- Sag das nochmal, sage ich.
- Manchmal ist das Leben einfach unfair.
- Nein, das davor.
 - Ich mag dich..."

Mauser ist siebzehn Jahre alt. Es ist Sommer und er hat noch ein paar Tage Ferien - ein Sommer des Umbruchs: der großen Liebe, der großen Freiheit, der Selbstfindung  und vielleicht auch ein wenig der Enttäuschungen...

Meinung:
Ganz zu Anfang möchte ich direkt sagen, dass es mir unwahrscheinlich schwer fällt diesem großartigen Buch mit meinen Worten gerecht zu werden - aber ich gebe mir Mühe.

Nils Mohl Schreibstil ist offen und direkt, vollkommen ungeschönt schreibt er in den Worten eines siebzehnjährigen - wie er die Welt erlebt. Authentisch und realitätsnah. Woran sich einige Leser zu Anfang vielleicht gewöhnen müssen sind die Zeitsprünge. Mal wird ein wenig im Sommer von Mauser vorgespult, mal zurück.
Eine weitere Besonderheit sind Nachrichtenmeldungen über den Mord Zöllners an seiner Frau und das Festival bzw. das Powwow die regelmäßig auftauchen, genauso wie Listen an den Enden mancher Kapitel, die Titel tragen wie z.B "Drei Dinge, die ich nicht über Jackie weiß".

Genauso besonders wie der Aufbau des Buches sind natürlich die Charaktere.
Mauser, der Hauptprotagonist, stammt aus einem Hamburger Arbeiterviertel, in dem er in einem Plattenbau in einer "Wohnwabe" lebt - aber er verhält sich überhaupt nicht so, wie man es oftmals von einem jungen Mann mit diesem Hintergrund erwarten würde. Er benimmt sich vernünftig (meistens), verdient auch in den Ferien sein eigens Geld, und hält nichts von Drogen und Alkohol.
Mohl räumt in seinem Roman mit Klischees auf - spielt an machen Stellen aber genauso mit ihnen. Wie z.B. bei den zwei jungen Frauen zwischen den Mauser steht. Jackie ist eine Schönheit, die wahrscheinlich jedem Mann auffallen würde und das weiß sie auch. Die Tatsache, dass sich ihre Gedanke nur um sich selbst zu drehen scheinen, macht sie mir nicht grade sympathischer.
Edda hingegen ist etwas älter, selbstständig, verdient ihr eigenes Geld, unscheinbarer aber sie sorgt sich wirklich um Mauser und ihre ganze Art ist einfach tiefgründiger. Mauser gefallen beide Mädchen - für wen wird er sich wohl entscheiden?

Aber es ist nicht nur der Sommer der ersten große Liebe, voller Sonnenschein und Zärtlichkeit - nein, es ist auch ein Sommer der Schatten auf Mausers junges Leben wirft. Ein tragisches Unglück wirft seine Welt aus den Angeln und er muss lernen Entscheidungen zu treffen, hinter ihnen zu stehen und vor allen auch damit leben zu können...

Und grade in diesem Bezug finde ich hat das Cover, welches zwei Wohnhäuser zeigt, durch die Farbwahl die Symbolik einer Ampel. Rot: Halt Mauser, bis hierhin und nicht weiter! Gelb: Überdenke deine Entscheidung noch einmal. Bist du dir wirklich sicher? Und grün: Go! Alles klar, du hast die richtige Richtung eingeschlagen!

Andere Leser werden viele andere Dinge in diesem Buch finden, die ihnen in diesem Moment wichtig sind oder sie anders interpretieren - die Möglichkeit ist groß, denn "Es war einmal Indianerland" steckt voller Metaphern und Symbolik!

Ein wunderschönes Buch, dass ich uneingeschränkt allen Lesern, die offen für experimentelle Literatur sind ans Herz legen möchte. Ihr werdet es bestimmt nicht bereuen. Und ich bin, wie viele andere Leser der Meinung, dass dieses Buch irgendwann als Schullektüre beliebt sein wird!

Wertung:
♥ ♥ ♥ ♥ ♥ () + ein extra Herzchen

Für die Bereitstellung und die wunderbare Leserunde bedanke ich mich ganz herzlich bei Nils Mohl, dem Rowohlt Taschenbuch Verlag und Lovelybooks!

Produktinformation:
Nils Mohl - Es war einmal Indianerland, erschienen im Februar 2011 beim Rowohlt Taschenbuch Verlag
347 Seiten, 12,99 €

Zum Autor:
Nils Mohl, geboren 1971. Er war u.a. zweimaliger Gewinner des Literaturförderpreises Hamburg sowie zweimaliger Träger des MDR-Literaturpreises.

Kommentare:

  1. Wow, danke für diese Klasse Rezension, das Buch hört sich sehr gut an und ist genau das was ich gerne lese, deshalb ist es auch gleich in meinen virtuellen Einkaufswagen gelandet! =)

    Lg Lisa

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